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Elternbeiräte: „Psychische Belastung von Schülern sehr groß!“

17.06.2021

Traunstein. Distanzunterricht, Kontaktbeschränkungen, kein Sportverein - seit mehr als einem Jahr müssen Kinder mit den Folgen der Corona-Pandemie zurechtkommen. Viele leiden unter den fehlenden Kontakten oder mangelnder Bewegung. Wie wirkt sich die kontakt- und teilweise unterrichtlose Zeit auf Kinder bzw. Schüler aus? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Videokonferenz der Vorsitzenden der Elternbeiträte der Gymnasien im Berchtesgadener Land und Traunstein, mit dem Abgeordneten und langjährigen Bildungspolitiker, MdL Klaus Steiner. Er hatte zu diesem Gespräch eingeladen, nachdem sich die Elternbeiräte in einem Brandbrief an Ministerpräsidenten Markus Söder und verschiedene Abgeordnete gewandt hatten.

In dem Schreiben forderten die Elternbeiräte vor allem eine möglichst konkrete Perspektive zur vollständigen Wiederherstellung des Präsenzunterrichts, insbesondere für die Zeit nach den Sommerferien. Eine weitere, zentrale Forderung waren breitgefächerte und zügige Impfangebote für Lehrkräfte und Schulmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. 

Georg Kurz, Elternbeiratsvorsitzender am Karlsgymnasium Bad Reichenhall, fand zum Einstieg auch anerkennende Worte für die schwierige Rolle der Politik. „In dieser herausfordernden Zeit der Bewältigung der die ganze Welt belastenden Pandemie, übernehmen und tragen sie politische Verantwortung. Dafür möchten wir uns bei ihnen bedanken. Wir sind überzeugt, dass sie die, für die Menschen zum Teil gravierenden Entscheidungen und Überlegungen nach allerbestem Wissen und Gewissen und zum Wohle aller Menschen in unserem Land treffen, sagte Kurz.

Deutlich distanzierten sich die Elternbeiräte von allen destruktiven und zum Teil politisch extremen Positionen. Klaus Steiner sagte, es sei gut auch einmal lobende Worte zu hören. Er und viele Abgeordnete seien oft übelsten Beschimpfung und Angriffen, im Netz und auch im persönlichen Gespräch, ausgesetzt.

Sebastian Ring vom Chiemgau Gymnasium Traunstein betonte, dass der Distanzunterricht, der seit Mitte November am Chiemgau-Gymnasium stattfindet, grundsätzlich gut angelaufen sei, die Probleme sich aber massiv gehäuft hätten. Seit diesem Zeitpunkt seien die meisten Schüler insgesamt lediglich drei oder vier Tage in der Schule gewesenen. „Die Folgen waren, dass vor allem in der Mittelstufe, drei bis fünf Schülerinnen und Schüler pro Klasse (bei Klassenstärken von ca. 27), im Distanzunterricht inzwischen völlig „abgeschaltet“ haben. Sie loggten sich zwar morgens ein, sind dann aber während des Unterrichts nicht ansprechbar und nehmen nicht aktiv teil“. Auch wiederholte Anrufe bei den Eltern oder Briefe hätten nicht weitergeführt. Man könne nur hoffen, dass man diese Kinder durch den jetzt wiederbeginnenden Präsenzunterricht wieder für Schule interessieren kann.

Übereinstimmend berichteten die Elternbeiräte, dass bei vielen Schülern auch immer mehr psychische Probleme feststellbar seien. Schulpsychologen seien voll ausgelastet und hätten ein Vielfaches der normalen Anfragen zu bewältigen. Besonders frustrierend sei, dass sie nötigenfalls zwar an andere Stellen verweisen könnten – die bekannten Hilfsnetzwerke aber bereits hoffnungslos ausgebucht seien. Es sei oft nicht möglich, akute Hilfestellung zu bekommen, da lange Wartezeiten bestünden, bis ein Kind tatsächlich in Behandlung oder gar einen Klinikplatz bekomme. Bei solchen Einrichtungen finde inzwischen offenbar eine Art „Triage“ statt: Nur noch akut Suizidgefährdete würden aufgenommen.

Die psychische Lage vieler Schülerinnen und Schüler gebe zu großer Besorgnis Anlass. Als dominierende Gründe für die mentalen Probleme der Kinder und Jugendlichen, werden fehlender sozialer Kontakt und der fehlende Alltagsrhythmus genannt. Symptome seien Zukunftsängste, Schlaf- und Essstörungen, Antriebs- und Orientierungslosigkeit, Entwöhnung von Menschen und Depressionen genannt, betonte Stefan Hartmann vom Annette-Kolb-Gymnasium Traunstein. „Wir beobachten seit geraumer Zeit mit großer Sorge, dass gerade auch Familien mit „geordneten“, „gesunden“ und/oder „normalen“ Verhältnissen und Strukturen an die Grenze ihrer Belastbarkeit kommen, was die Einschränkung des Schulbetriebs angeht. Gerade auch aus diesen Familien werden inzwischen Erschöpfung, große Frustration und zunehmend auch mentale und psychische Probleme bei den Schülerinnen und Schülern geäußert“.

Besorgt äußerte sich der Stimmkreisabgeordnete über die gesellschaftliche Diskussion in den letzten Monaten, in der wieder schnelle Öffnungen gefordert wurden. „Die Situation in Handel und Gewerbe - waren und sind - z.T. katastrophal, und auch im Bereich der Kitas und Schulen haben wir sehr kritische Entwicklungen, aber wir haben es bei diesem Virus mit einem Feind zu tun, von dem wir noch viel zu wenig wissen“, führt Steiner an.  Es sei ein ständiges Vortasten, auf einer Basis, auf der es auch für die Wissenschaft um immer neue Erkenntnisse gehe und in der Folge ständig Maßnahmen ergänzt und korrigiert werden müssten. „Das Virus gibt den Takt an und diktiert die Maßnahmen, die die Regierunen auf der ganzen Welt, also nicht nur in Bayern, treffen müssten.

Das Verhalten eines jeden trage dazu bei, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt. Kontakte beschränken war die wirksamste Methode, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, bevor flächendeckend geimpft wurde.

„Jedem muss bewusst sein, dass die Gefahr allgegenwärtig ist und durch die Mutanten des Coronavirus noch zugenommen hat. Das ist keine „Angstmacherei“, das ist die Realität! Auswirkungen von Corona seien derzeit noch gar nicht einzuschätzen, da viele Erkrankte unter Langzeitschäden leiden. Immer wieder seien inzidenzunabhängige Öffnungen von Schulen gefordert worden. Dies seien sehr schwierige Entscheidungen gewesen, da es seitens der Wissenschaft über die Virusverbreitung in Schulen im Präsenzunterricht, sehr unterschiedliche Stellungnahmen gäbe. „Wir haben nicht nur die akuten Corona-Erkrankungen und die vielen Opfer im Blick sondern auch -neben den Corona Spätfolgen, unter denen sehr viele Menschen leiden- die Folgen für Kinder und Jugendliche.

Aus vielen Gesprächen mit Eltern und Schulleitern ist Steiner der Ernst der Situation bekannt.  Durch die Öffnung der Schulen nach den Pfingstferien gebe es zwar wieder Präsenzunterricht, aber die Schwierigkeiten vieler Schüler wieder in den Rhythmus kommen, würden länger anhalten.


Er wolle die Euphorie nicht dämpfen, aber wir müssen immer im Auge behalten, dass die Pandemie nicht vorbei sei. Gerade die neue indische Variante „Delta“, die derzeit in Großbritannien die Infektionszahlen wieder ansteigen lassen, sei eine neue Herausforderung, gegen die wir uns jetzt wappnen müssten. Das Tempo, mit dem die neue Virusvariante Oberhand gewinne, sei beängstigend. Gerade Ungeimpfte gefährde diese Mutation wie keine andere. 

Klaus Steiner, MdL

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